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Health

Blind Horsemanship

Daniel | Sunday August 18th, 2019

Es gibt viele Pferde mit Handicaps, die bestens zurechtkommen. Dennoch bedeuten Behinderungen wie Erblinden oftmals das Ende der Tiere. Bei Viviane und ihrer Mutter Ellen dürfen blinde Pferde leben und lernen. Gemeinsam betreiben sie den Verein Pro Blind Horse und wurden dafür mit dem Pferd&Mensch Award 2018 ausgezeichnet.

Seit wann arbeitet ihr mit blinden Pferden?

Viviane: “Begonnen hat alles mit dem Pferd meiner Mutter: Nantan Geronimo. Als er 1994 auf die Welt kam
und von meiner Mutter gekauft wurde, konnte er, wie jedes andere Pferd auch, ganz normal sehen.
Mit ca. 10 Jahren erkrankte er dann an periodischer Augenentzündung, auch Mondblindheit
genannt. Erst verlor er seine komplette Sehkraft auf dem linken Auge, welches ihm auch schließlich
aufgrund der starken Schmerzen entfernt wurde und irgendwann dann auch auf dem Anderen. Nach
anfänglichen Überlegungen Nantan einschläfern zu müssen, entschied sich meine Mutter, aufgrund
Nantans überwältigender Lebensfreude und seinem sprühenden Lebenswillen, dagegen und setzte
sich von da an für die Rettung blinder Pferde ein.
Ich selbst bin in die Arbeit mit blinden Pferden regelrecht hinein geboren worden. Wirklich Freude
und ein regelrechtes Verlangen zu der Arbeit mit ihnen fand ich jedoch erst durch mein späteres
komplett blindes Pferd Mighty Buggette.”

Was macht blinde Pferde für Dich besonders? Was gefällt Dir an der Nähe zu blinden Pferden am
meisten?

Viviane: “Am liebsten an der Arbeit mit meinem blinden Mighty habe ich seine hohe Aufmerksamkeit und
dass er trotz seiner Blindheit einfach nichts an seinem frechen, aufgeschlossenen Charakter
eingebüßt hat. Täglich komme ich bei ihm mit neuen Ideen an und er geht jedes Mal nicht nur mit
einer Menge Freude an die Sache heran, sondern auch mit einer unglaublichen Menge Sensibilität,
ganz besonders Kindern gegenüber.”

Wie können blinde Pferde „sehen“? Wie nehmen sie wahr und was nehmen sie wahr?

Viviane: “Zum einen orientieren sich blinde Pferde an ihrer Herde. Wo die Herde hingeht, gehe ich auch hin,
dort ist es sicher! Zum anderen fertigen sie über einen gewissen Zeitraum hinweg eine Art Karte in
ihrem Kopf an. Bevor wir unsere blinde Stute Asicathe, dass erste Mal auf die Weide gelassen
haben, sind wir zusammen den Zaun abgegangen und meine Mutter hat diesen mit einem Stock
abgeklopft. Ist sie trotz alledem doch mal gegen den Zaun gelaufen, läuft sie jedoch kein zweites
Mal gegen genau die selbe Stelle, denn eben diesen Teil des Zauns hat sie sich nun besonders
eingeprägt. Faszinierend finde ich es auch meinem blinden Mighty auf der Weide zuzuschauen.
Kurz bevor er gegen den Holzzaun kommt, hält er an und dreht sich um. Er scheint zu spüren, dass
da vor ihm etwas ist. Wir vermuten, dass Pferde so wie Fledermäuse über eine Art Echolot
verfügen.”

Inwiefern ist die Verbindung bzw. das Vertrauen zwischen einem Reiter und einem blinden Pferd
anders?

Viviane: “Dadurch dass ein Pferd komplett blind und somit auch komplett abhängig von anderen ist, nimmt
man sich automatisch mehr Zeit und Geduld für es. Man nimmt mehr Mühe, mehr Kraft, mehr
Energie in Kauf das Pferd zu verstehen. Man beginnt feinfühliger und aufmerksamer mit ihm zu
arbeiten und begibt sich auf eine Ebene der Vertrautheit, die ich bis jetzt nur bei einem blinden
Pferd erfahren durfte. Selbstverständlich ist der Anfang der Blindheit der steinigste und am
schwersten zu meisternde Weg, doch wenn dieser einmal überwunden ist, schenkt ein blindes Pferd
dir einfach alles was es hat. Es vertraut dir zu 100%. Du bist sein Stützpfeiler, sein sicherer Hafen,
sein bester Freund.”

Gibt es etwas, was Dir blinde Pferde beigebracht haben? Etwas, was Dich inspiriert und
motiviert?

Viviane: “Definitiv! Mein blinder Appaloosa Mighty hat mir etwas beigebracht von dem ich dachte, dass ich
es niemals lernen würde. Nämlich Ruhe und Geduld! Mit einem blinden Pferd zu arbeiten heißt
entweder bereits jede Menge davon zu besitzen oder es eben zu lernen. Ich denke, mit mir hat
Mighty seinen Meister gefunden. An Ungeduld und Unruhe bin ich eigentlich nicht zu übertreffen,
aber Mighty hat es innerhalb von fast fünf Jahren geschafft mich einmal um 180 Grad zu drehen.
Ich habe das Gefühl (zumindest in der Anwesenheit von Pferden) alles überlegter, selbstbewusster
und sanfter anzugehen und wenn etwas nicht funktioniert, nicht gleich zu verzweifeln, laut oder
wütend zu werden. Mighty ist zu meinem wichtigsten Lehrmeister geworden.”

INLAND ist eine Sattlerei Rund ums Wanderreiten. Daher beschäftigt mich die Frage, ob auch blinde Pferde
gute Wanderer sind?

Viviane: “Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass blinde Pferde die besseren Wanderer sind. Mir ist
schon ziemlich früh aufgefallen, dass unsere Blindis im Gelände die Füße höher heben als sehende
Pferde. Dadurch geraten sie tatsächlich weniger häufig ins Stolpern. Zudem sind sie aufmerksamer.
Während ein sehendes Pferd sich hier und da mal erlaubt müde und träge den Kopf hängen zu
lassen, sind unsere Blinden immer vollkommen wach und aufmerksam, besonders was den
Untergrund angeht. Mein Pferd reagiert zudem sehr sensibel auf die Hilfen, die ich ihm gebe, sollte
der Boden mal etwas schwieriger werden.”

Wenn Pferdebesitzer merken, dass ihr Pferd erblindet, ist das oft sehr schlimm für sie.
Hast Du einen Rat für sie? Und gibt es etwas, was man bereits im Vorfeld trainieren kann?

Viviane: “Das einzige was im Vorfeld trainierbar und aufbaubar ist, ist die Vertrauensbasis zwischen Pferd
und Mensch. Wenn diese bereits im Vorfeld tief verankert und gefestigt ist, dann ist auch die
Anfangsphase der Blindheit nicht so schwer. Den einzigen vernünftigen und brauchbaren Rat den
ich jedem gebe, der ein frisch erblindetes Pferd hat und mich um Hilfe bittet, ist folgender: Hab
Geduld! Die Anfangsphase ist, wie bereits erwähnt, die schwierigste Phase, doch mit viel Ruhe und
Geduld ist auch sie irgendwann überwunden und man hat einen Freund fürs Leben dazu gewonnen!
Zudem habe ich das Gefühl, dass die Menschen diese wunderschönen, freundlichen und vor Freude
und Lebenswillen sprühenden Wesen viel zu oft und viel zu schnell aufgeben… Das ist wirklich
schade.”

Danke Viviane

Für mehr Information folgt Viviane auf Instagram @blindhorsemanship oder YouTube

Foto: Saskia Borschel

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